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Das Grau

Kurzgeschichten

DAS GRAU

Ein Selbstmordversuch, das ist nicht wenn man probiert sich umzubringen, sondern wenn man versucht, dabei am Leben zu bleiben. Ich habe mein Leben niemals als endenswert erachtet, es sozusagen mit sich selbst beschützt. So langsam erkenne ich den kolossalen Fehler.

Ein Morgen wie jeder andere. Vor meinem Körper erwacht mein Geist. Vor den Hoffnungen des neuen Tages erinnert er sich der Enttäuschungen des Gestern. Ich liege da und atme ich bin noch keine 13 Jahre alt. Meine Augen sehen neben Sächliches, denn nebensächlich erscheint mir alles. Große Erinnerungen nageln meinen Geist durch meinen geschlagenen Leib hindurch an mein aufgewühltes Nachtlager.

In Gedanken schreibe ich einen Satz, und lösche ihn wieder. Ich suche nach dem einen Satz der meinen Geist wieder freigibt.

Die Suche scheitert und die Sonne verkriecht sich hinter grauen Wolken, als mein Leib sich in einem Kraftakt erhebt und den Geist mitreißt. Blutige Gedankenfetzen bleiben zurück, sickern dahin um irgendwann - nicht allein - zurückzukehren. Graue Wolken. Ich öffne die Tür. Dann dieselben Bewegungen wie jeden Tag.

Kurz darauf erfüllt Musik mein Umfeld. Emotion und Bass wieder ein wenig lauter, präsenter, vernichtender als am Tag zuvor.

Ich komme nicht umhin, zu analysieren.

In einer Welt, in der es nur noch Variationen von Grau gibt, suche ich verzweifelt Schwarz und Weiß. Grau ist der Himmel.

Grau die Zukunft, grau die Antwort auf jede Frage. Ja und nein sind - wahrscheinlich irgendwann zwischendurch in einem bedauerlichen Unfall - zu einer grauen Chimäre verwachsen. Dem JEIN. Groß, grau, grässlich. Aber leider richtig.

Dichter und Denker, so gut sie es auch meinten, vernichteten durch ihre Erkenntnis alle Hoffnung.

Auf jede Antwort gibt es ein Aber. Und so ist es nur zu offensichtlich: Mit dem Tod der Zukunft stirbt die Gegenwart. Der schwindende Horizont reißt das Hier mit sich, und wir bleiben zurück im grauen Limbo.

Auf jede Antwort ein Jein.

Und ich bin der schlimmste Zerdenker.

Ich suche nach Antworten, wie sie Mütter ihren kleinen Kindern zu geben pflegen. Es muss nicht richtig sein, nicht einmal ansatzweise wahr. Nicht die Antwort ist entscheidend, sondern die Hilfe der Mutter und das Lächeln des Kindes. Ich will ein lächelndes, naives Kind sein. Ich will staunen und lachen und weinen und ... lieben können. Ohne zu wissen.

Heute verstehe ich, warum die Lüge so gefährlich ist. Nicht der lügende Mensch richtet den Schaden an. Nicht einmal die Lüge selbst. Es ist das Kind, das irgendwann die Lüge erkennt und versteht und damit seine Naivität auf einen langen Pfad des Todes führt. Schweine sind zufrieden, Menschen sind glücklich.

Kinder und Schweine.

Ich schweife ab, bemerke es und drehe die Musik leiser.

Die Schleife beginnt von neuem. Ich bin unglücklich. Mein Geist fühlt sich leer. Ich suche nach der einen Antwort, die Erlösung bringt. Meinem Gral. Ich erinnere mich, keine Lösungen mehr, nur noch Kompromisse. Nur noch graue Jein's in einer aufgeklärten Welt. Ich bin unglücklich. Die Musik ist einer meiner Versuche, Weiße und Schwarze Breschen in die graue Mauer zu schlagen. Einer meiner besseren Versuche, sicher, aber die Mauer erscheint mir jeden Tag höher. Also suche ich Musik, die mich noch stärker erfasst, tiefer trifft, mich aus meiner Agonie befreit und einen Tag weitermachen lässt. So ist es wohl mit allen Drogen. Irgendwann vernichten sie die Welt oder mich. Was wohl eher kommt.

So verläuft seit irgendeinem Ereignis, ich weiß nicht mal welchem, jeder bewusste Tag. Manchmal durchbricht ein Tag oder ein Ereignis oder auch nur ein fremdes Lächeln diesen Kreis. Dann fühle ich mich der einen Antwort sehr nahe. Ich weiß, dass es sie gibt, diese Antwort. Ich weiß auch, dass sie sehr einfach ist, jedes Kind könnte sie verstehen. Aber diese Momente verschwinden ebenso ungreifbar wie sie erscheinen, und lassen mich nackt und verzweifelt zurück. Dann rede ich mir ein, nur einer unter all jenen Schiffbrüchigen zu sein, die mit erlahmenden Gliedern in einem grauen Meer darum kämpfen, an der Oberfläche zu bleiben.

Die meisten Ertrinkenden finden etwas zum Festhalten, im selben Moment in dem sie eigentlich aufgeben wollten. Auch vor meinem Kopf baumelt eine Rettungsleine; doch ich greife nicht zu. Vielleicht ist es ein Trugbild, vielleicht reißt die Leine. Ich schwimme weiter, salzige Tränen in den Augen, unendliches Grau um mich herum.

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Maria Lamböck




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